Das Wunder

Flávia Mattar
(Versão em português abaixo) * (English version bellow)


Für meine Mutter und meine Lehrer

Ich war in Indien, war gerade in Kalkutta gelandet. Das Taxi brachte uns zum Yogananada Ashram in einem Ort namens Dakshineswar. Ich konnte die Blätter der Kokosnussbäume zwischen den Kronen vieler verschiedener Bäume sehen. Der Anblick der Kokospalmen erinnerte mich an Brasilien, meine Heimat, und brachte mir nach sechs Monaten der Abwesenheit ein Gefühl der Vertrautheit. Und diese Erinnerung ließ mich an meine Mutter denken. Unsere schwierige Beziehung hatte ich endlich hinter mir gelassen. Ich sah meinen Mann an und sagte zufrieden: „Was für eine Erleichterung, meine Mutter nicht mehr um mich zu haben.“ Sicherlich steckte dahinter ein getarnter Wunsch, „und möge das für immer und ewig so bleiben“. Was ich sagte, drückte sicherlich den Wunsch aus, meine Zugehörigkeit zu verleugnen. Das Taxi hielt vor dem Tor des Ashrams. Ein Herr öffnete die Tür und ich fragte nach dem Zimmerschlüssel. Sobald er mir mitteilte, dass der Schlüssel bei meiner Zimmergenossin sei, sah ich meine Mutter! Sie war da! 

Ich schaute die Person vor mir an und sah meine Mutter, nicht die helläugige Nordamerikanerin, die das Zimmer mit mir teilen würde. Nachdem der ersten Schock überwunden war, erinnerte ich mich an das, was ich im Taxi gesagt hatte. 

Wenn wir Karma Yoga (eine angemessene Handlung und Einstellung) lernen, werden fünf Handlungen empfohlen, die zur Läuterung des Geistes beitragen. Dazu gehört die Ehrung der Eltern (pityajna). Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir in der Lage sind, das, was uns das Leben gibt, anzunehmen und dankbar dafür zu sein. Mein Sprechen und mein Fühlen gegenüber meiner Mutter waren nicht im Einklang mit einer angemessenen Handlung, die grundlegend für die Harmonisierung der Schwingungen des Geistes und für geistige Klarheit ist. 

Die Art und Weise, wie meine Zimmergenossin auf mich zuging und mit mir interagierte, hätte mich zu einer reaktiven Haltung verleiten können. Sie hätte mich dazu bringen können, wütend zu werden. Aber in diesem Moment hatte ich die Klarheit, die Szene einfach nur zu beobachten, wie jemand, der eine Filmleinwand betrachtet. Ich beobachtete meine Zimmergenossin, ich beobachtete, was in meinem Kopf vorging, und ich verstand die Botschaft hinter der Szene: „Ich bin die Tochter meiner Mutter! Ich kann nicht daran denken, meine Mutter aus meiner Geschichte auszuschließen.“

Ich ging leise zu dem Zimmer, das ich an diesem Abend teilen würde. Ich spürte eine tiefe Leichtigkeit. Ich hatte mich ganz der Erfahrung hingegeben, die ich gerade machte. Ich nahm die Lehre daraus auf und war dankbar, dass es so geschehen war.  Ich fühlte ein absolutes Vertrauen, dass diese Situation eine Funktion hatte und dass sie nicht anders sein sollte als sie war, auch wenn sie als negativ oder unangenehm empfunden werden könnte. Und ich dachte, dass das, was ich gerade erlebte, eine kleine Kostprobe dessen war, was Ishvara Pranidhana (Hingabe) bedeutet, etwas, das in den Yoga Sutras als grundlegend für den spirituellen Weg bezeichnet wird. Vielleicht weil ich während dieser Erfahrung aufrichtige Akzeptanz und Dankbarkeit erfahren hatte, bekam ich am nächsten Tag ein anderes Zimmer und dieses Kapitel war vorübergehend abgeschlossen. 

Kurze Zeit später, bereits in Deutschland, wo ich derzeit lebe, lag ich auf der Couch und mir kam ein Gedanke: „Ich muss meiner Mutter vergeben.“ Der Knoten war endlich gelöst. Ich sah, dass unser ganzer Lebensweg mit all seinen vermeintlichen Fehlern und Erfolgen eine notwendige Erfahrung gewesen war.  Ich hatte genau die Mutter, die ich haben musste. Ich schrieb ihr eine Nachricht, in der ich ihr sagte, dass ich sie liebte und dass ich sehr dankbar war, dass sie meine Mutter war. Einige Monate später verstarb sie. 

Ishvara Pranidhana und die Ehrung der Eltern…

Es ist nicht möglich, sich zu zwingen, sich jeder Erfahrung hinzugeben und dankbar zu sein, egal ob sie scheinbar angenehm oder unangenehm ist. Es ist auch nicht möglich, rational zu entscheiden, dass ich von jetzt an meine Eltern ehren werde, weil die heiligen Texte sagen, dass das wichtig ist und das war’s. Wie kommt es also zu all dem? Wie zeigt sich das, was wir in den heiligen Texten lesen, wie erschließt es sich? 

Wir haben keine Möglichkeit zu entscheiden, wann etwas, das Leiden verursacht, aufhört. Es hilft, dem Geist, dem Körper, dem Intellekt und den Emotionen die richtige „Nahrung“ zu geben. Gute „Nahrung“ begünstigt geistige Klarheit, Unterscheidungsvermögen, Losgelöstsein von unseren vermeintlichen Wahrheiten. Aber wir säen einen Samen und wissen nicht, ob und wann er tatsächlich keimen wird. Was, wann und wie sich alles vor unseren Augen entfalten wird, liegt nicht in unserer Hand. Wir können die Ergebnisse unseres Handelns nicht bestimmen. Wenn wir das könnten, würden wir immer alles haben, was wir wollen. 

Wenn wir von einem Wunder sprechen, denken wir an etwas Magisches. Und ich sehe, dass die Bedeutung des Wunders neu definiert werden muss. Ich habe viele Wunder gesehen. Ich kann nur dem Feld der Existenz, der Existenz selbst (Ishvara), dafür danken, dass Ishvara mir Yoga und Vedanta auf den Weg gegeben hat, für die Lehrerinnen und Lehrer, denen ich begegnet bin, für die Entschlossenheit, mich den Lehren zu widmen, für alle Stolpersteine auf meinem Weg usw. Ich erhalte eine reiche „Nahrung“, die dem Weg Vitalität verleiht. Manchmal ist die Nahrung bitter, manchmal süß, aber auf jeden Fall nahrhaft. 

Die Früchte unseres Handelns werden uns auf dem ganzen Weg und in jedem Augenblick angeboten. Das große Wunder besteht darin, sie wirklich sehen zu können. Und ein noch größeres Wunder besteht darin, dass wir uns mit dem identifizieren können, was wir wirklich sind: derjenige, der die Tochter beobachtet, derjenige, der die Mutter beobachtet, derjenige, der die Situation beobachtet, derjenige, der die nordamerikanische Frau beobachtet, derjenige, der die Möglichkeit beobachtet, Wut und Leichtigkeit zu erwecken, derjenige, der die Lehre hinter der Erfahrung beobachtet. Ich bin die Zeugin. 

Das, was beobachtet, ist nicht die Tochter, hat keine Geschichte mit der Mutter. Das, was beobachtet, ist, war und wird immer frei von der Rolle der Tochter und der Beziehung zur Mutter sein. Es ist der Zeuge oder die Zeugin jeder Erfahrung. Das, was jeder Erfahrung Licht gibt. Das, was durch den Verstand wahrnimmt. Ich bin Bewusstheit. (Vedanta – die Wissenschaft der Selbsterkenntnis)

Was mit meiner Mutter und mir geschah, war ein wunderschönes Wunder. Das Wunder der Klarheit, der Unterscheidung, der Hingabe und der Dankbarkeit.

***

O milagre
Para a minha mãe e meus professores

Estava na Índia. Tinha acabado de desembarcar em Calcutá. O taxi nos levava para o Ashram de Yogananada, em um local chamado Dakshineswar. Via as folhas dos coqueiros entre tantas outras copas, de diferentes tipos. Rever os coqueiros me fez pensar no Brasil, no meu país natal, e trouxe uma sensação de familiaridade depois dos seis meses da partida. E essa memória me fez pensar em minha mãe. A nossa difícil relação tinha finalmente ficado para trás. Olhei para o meu marido e disse satisfeita: “que alívio não ter a minha mãe por perto.” Certamente, por trás dessa fala estava um desejo camuflado: “e que isso se propague para todo o sempre.” A minha fala carregava certamente o desejo de negar a minha filiação. O taxi parou em frente ao portão da garagem do Ashram e nós desembarcamos. Um senhor abriu a porta e eu perguntei pela chave do quarto. Mal ele informou que a chave estava com a minha colega de quarto, eu vi a minha mãe! Ela estava lá!

Eu olhava a pessoa na minha frente e via a minha mãe, e não a norte-americana de olhos claros, que dividiria o quarto comigo. Passada a agitação inicial, lembrei da minha fala no taxi.

Quando estudamos Karma Yoga (ação e atitude apropriadas) são recomendadas cinco ações que contribuem para a purificação da mente. Entre elas está honrar os pais (pityajna). Entre outros fatores, isso tem a ver com ser capaz de aceitarmos e sermos gratos àquilo que a vida nos dá. A minha fala e o meu sentimento em relação a minha mãe não estavam em harmonia com uma ação e uma atitude apropriadas, o que é fundamental para harmonizar as oscilações da mente e ter clareza mental. E ali, naquele Ashram na Índia, estava diante de mim uma oportunidade para observar e quebrar resistências equivocadas.

A forma como a minha colega de quarto se aproximou e interagiu comigo poderia ter me levado a uma atitude reativa. Poderia ter me causado raiva. Mas naquele momento eu tive a clareza necessária para apenas observar a cena, como alguém que observa uma tela de cinema. Eu observava a minha colega, observava o que se passava na minha mente e entendia a mensagem por trás da cena: “eu sou filha de minha mãe! Não dá para pensar em excluir a minha mãe de minha história.”

Eu caminhei tranquila para o quarto que dividiria naquela noite. Sentia uma profunda leveza. Eu havia me entregue totalmente à experiência que vivia. Eu absorvi o seu ensinamento, eu fui grata por ela ter acontecido…  Eu senti uma confiança absoluta que aquela situação tinha uma função e que não deveria ser diferente do que era, apesar de poder ser vista como negativa ou desconfortável. E pensei que aquilo que eu estava vivendo era uma pequena mostra do que significa Ishvara Pranidhana (entrega), algo apontado nos Yoga Sutras – texto que sintetiza e organiza os conhecimentos sobre Yoga — como fundamental para e evolução no caminho espiritual. Talvez por ter vivido durante a experiência aceitação e gratidão sinceras, me foi dado um outro quarto no dia seguinte e esse capítulo foi temporariamente encerrado.

Pouco tempo depois, já na Alemanha, recém-chegada da Índia, estava deitada no sofá e me veio um pensamento: “eu preciso desculpar a minha mãe.” O nó da não aceitação de nossa relação se desatou. Vi que toda a nossa trajetória, com todos os seus supostos erros e acertos, tinha sido uma experiência necessária.  Eu tive exatamente a mãe que eu precisava ter.

Eu lhe escrevi uma mensagem, dizendo que a amava e que era muito grata por ela ser minha mãe. Poucos meses depois, ela faleceu.

Ishvara Pranidhana e honrar os pais…

Não é possível se forçar a estar entregue e ser grato a toda a qualquer experiência, seja ela aparentemente agradável ou desagradável. Também não é possível decidir racionalmente que a partir de amanhã eu vou honrar os meus pais, porque os textos sagrados dizem que isso é importante e pronto. Então, como é que tudo acontece? Como é que o que lemos nos textos sagrados vai se mostrando, vai se abrindo?

Eu não tenho como decidir quando algo que causa sofrimento vai se desfazer. Ajuda dar o „alimento“ adequando para a mente, para o corpo, para o intelecto, para as emoções. O „alimento“ favorece a clareza mental, o discernimento, o desapego das nossas supostas verdades. Mas a gente planta uma semente e não sabe quando e se a semente vai de fato germinar. O que, quando e como tudo vai se desdobrar diante de nossos olhos não está em nossas mãos. Nós não podemos determinar os resultados de nossas ações. Se pudéssemos, teríamos sempre tudo o que queremos.

Quando falamos em milagre, pensamos em algo mágico. E vejo que o significado de milagre precisa ser ressignificado. Eu tenho visto muitos milagres. Eu só posso agradecer ao campo da existência, à Existência em si (Ishvara), por ter colocado o Yoga e Vedanta em meu caminho, pelos professores que encontrei nesse percurso, pela determinação necessária para me dedicar aos ensinamentos, por todos os tropeços que tive etc. Eu tenho recebido um alimento rico que dá vitalidade à caminhada. Às vezes, o alimento é amargo, às vezes doce, mas certamente nutritivo.

Os frutos nos vão sendo ofertados durante a caminhada, a cada momento. O grande milagre é ser capaz de enxergá-los. E milagre ainda maior é sermos capazes de nos identificarmos com aquilo que de fato somos: aquilo que observa a filha, aquilo que observa a mãe, aquilo que observa a situação, aquilo que observa a norte-americana, aquilo que observa a possiblidade do despertar da raiva e o despertar da leveza, aquilo que observa o ensinamento por trás da experiência. Aquilo que vê, que é completo, pleno e que não é afetado, perturbado em nenhuma circunstância.

Aquilo que observa não é a filha, não tem uma história com aquela mãe. Aquilo que observa é, sempre foi e sempre será livre do papel da filha e da relação com a mãe. É a testemunha de toda e qualquer experiência, o que dá luz a toda e qualquer experiência, aquilo que percebe através da mente. Eu sou Consciência (Vedanta – a ciência do autoconhecimento).

Isso que aconteceu comigo e com minha mãe foi um lindo milagre. O milagre da clareza, do discernimento, da entrega, da gratidão.

***

The miracle
For my mother and my teachers

I was in India. I had just landed in Calcutta. The taxi was taking us to the Yogananada Ashram, in a place called Dakshineswar. I could see the leaves of the coconut trees among so many other treetops, of different kinds. Seeing the coconut trees made me think of Brazil, my hometown, and brought a feeling of familiarity after six months of departure. And this memory made me think of my mother. Our difficult relationship was finally left behind. I looked at my husband and said, satisfied, „what a relief not to have my mother around.“ Surely, behind it was a camouflaged wish, „and may this propagate forever and ever.“ My speech certainly carried the desire to deny my affiliation. The taxi stopped in front of the Ashram gate. A gentleman opened the door and I asked for the room key. As soon as he informed me that the key was with my roommate, I saw my mother! She was there!

I looked at the person in front of me and saw my mother, not the light-eyed North-American woman who would share the room with me. Once the initial shock was gone, I remembered what I said in the taxi. 

When we study Karma Yoga (appropriate action and attitude) five actions are recommended that contribute to the purification of the mind. Among them is honoring one’s parents (pityajna). Among other factors, this has to do with being able to accept and be grateful for what life gives us. My speech and my feeling towards my mother were not in harmony with an appropriate action and attitude, which is fundamental for harmonizing the oscillations of the mind and having mental clarity. And I was being given the opportunity to observe and break down mistaken resistances.

The way my roommate approached and interacted with me could have led me into a reactive attitude. It could have caused me to become angry. But at that moment I had the clarity to just observe the scene, like someone watching a movie screen. I observed my roommate, I observed what was going on in my mind, and I understood the message behind the scene: „I am my mother’s daughter! I can’t think of excluding my mother from my story.“

I walked quietly to the room I would share that night. I felt a deep lightness. I had totally surrendered myself to the experience I was living. I absorbed it´s teaching, I was grateful that it had happened.  I felt an absolute confidence that this situation had a function, and that it shouldn’t be any different than it was, even though it might be seen as negative or uncomfortable. And I thought that what I was experiencing was a small sample of what Ishvara Pranidhana (surrender) means, something pointed out in the Yoga Sutras as fundamental on the spiritual path. Perhaps because I had experienced sincere acceptance and gratitude during the experience, I was given another room the next day and this chapter was temporarily closed.

A short time later, already in Germany, where I currently live, I was lying on the couch and a thought came to me, „I need to forgive my mother.“ The knot of not accepting the relationship the two of us could have was finally untied. I saw that our whole trajectory, with all its supposed mistakes and successes, had been a necessary experience.  I had exactly the mother I needed to have. I wrote her a message, telling her that I loved her and that I was very grateful that she was my mother. Some months later she passed away.

Ishvara Pranidhana and honoring parents…

It is not possible to force yourself to surrender and be grateful to every experience, whether it is apparently pleasant or unpleasant. It’s also not possible to rationally decide that from now on I’m going to honor my parents, because the sacred texts say that’s important and that’s it. So how does it all happen? How does what we read in the sacred texts show itself, open up?

We have no way of deciding when something that causes suffering will stop. It helps to give the right „food“ to the mind, to the body, to the intellect, to the emotions. Good „food“ favors mental clarity, discernment, detachment from our supposed truths. But we plant a seed and we don’t know when and if the seed will actually germinate. What, when and how everything will unfold before our eyes is not in our hands. We cannot determine the results of our actions. If we could, we would always have everything we want.

When we talk about miracle, we think of something magical. And I see that the meaning of miracle needs to be re-signified. I have seen many miracles. I can only thank the field of existence, the Existence itself (Ishvara), for having put Yoga and Vedanta on my way, for the teachers I met, for giving me the determination to dedicate myself to the teachings, for all the stumbles I had, etc. I have been given a rich „food“ that gives vitality to the walk. Sometimes the food is bitter, sometimes sweet, but certainly nourishing.

The fruits of our actions are offered to us all along the way, at every moment. The great miracle is to be able to really see them. And an even greater miracle is to be able to identify ourselves with what we really are: the one observing the daughter, the one observing the mother, the one observing the situation, the one observing the North-American woman, the one observing the possibility of awakening anger and awakening lightness, the one observing the teaching behind the experience. The witness. 

That which observes is not the daughter, does not have a story with that mother. That which observes is, always has been and always will be free from the role of the daughter and the relationship with the mother. It is the witness of each and every experience, that which gives light to each and every experience, that which perceives through the mind. I am Consciousness. (Vedanta- the science of self-knowledge)

What happened with my mother and me was a beautiful miracle. The miracle of clarity, of discrimination, of surrender, of gratitude.